19. Juli 2021

Im Zeichen der Flut

Eigent­lich war die Son­der­sit­zung des Stadt­ra­tes ledig­lich für die nicht­öf­fent­li­che Beschluss­fas­sung über die wei­te­re Vor­ge­hens­wei­se im StEG-Pro­­­zeß ange­setzt wor­den. Des­wei­tern soll­te auch noch der ver­ges­se­ne Beschluss zu der Vor­la­ge über den Bebau­ungs­plan Net­te­tal nach­ge­holt wer­den. Hier geht es um die Errich­tung einer Ten­nis­hal­le, die eben­falls einen Soc­cer­ca­ge und eine Gas­tro­no­mie beher­ber­gen soll. Der Stadt­rat konn­te mit sei­nem ein­stim­mi­gen Beschluss an die­ser Stel­le den Weg für die wei­te­ren Ver­fah­rens­schrit­te im Bebau­ungs­plan­ver­fah­ren frei machen. Wir sind posi­tiv gespannt, was da wann umge­setzt wer­den wird.

Aller­dings über­schat­te­te das all­ge­gen­wär­ti­ge Hoch­was­ser vom Vor­tag mit sei­ner schier uner­mess­li­chen Zer­stö­rungs­wut die ange­setz­te Sit­zung und bestimm­te die Tages­ord­nung. Sicher­lich hat sich der eine oder ande­re gefragt, ob denn die Stadt­rä­te an solch einem Tag nichts Bes­se­res zu tun hat­ten, als eine Sit­zung abzu­hal­ten. Dem Gedan­ken kann man durch­aus fol­gen, hät­te es sich bei der oben erwähn­ten Beschluss­fas­sung in Sachen StEG nicht um eine gericht­li­che Ter­min­sa­che gehan­delt, die nicht auf­ge­scho­ben wer­den konn­te. So fehl­ten auch eini­ge Mit­glie­der des Rates, die ent­we­der sel­ber betrof­fen oder auch im Ein­satz waren. Und es hat auch eini­ge Räte nicht davon abge­hal­ten, nach der Sit­zung wie­der in ihre Gum­mi­stie­fel zu stei­gen und mit anzupacken.

Die von Ober­bür­ger­meis­ter Dirk Meid sodann beschrie­be­nen Schä­den an öffent­li­chen Gebäu­den und öffent­li­cher Infra­struk­tur sind immens. So hat es ins­be­son­de­re die Cle­mens­schu­le und zwei Brü­cken im Ober­lauf der Net­te stark getrof­fen. Da die Stadt aller­dings gut ver­si­chert ist, wiegt der finan­zi­el­le Scha­den in der Rela­ti­on ver­gleichs­we­se nicht so schwer. Dies sieht bei vie­len pri­va­ten Lie­gen­schaf­ten Ent­lang der Net­te, in der Ufer‑, der Bürresheimer‑, der Mai­­feld- und der Ger­ber­stra­ße, sowie im Tri­ac­ca­weg, dem  Was­ser­pfört­chen , Auf dem Werth, Im Ban­nen und Im Trin­nel sicher ganz anders aus. Hier hat die Flut ganz vie­le Woh­nun­gen und Häu­ser tem­po­rär unbe­wohn­bar gemacht und das Hab und Gut vie­ler in kür­zes­ter Zeit ver­nich­tet. Bei vie­len Gebäu­den ist etwa der Abschluss einer zur Abde­ckung der Hoch­was­ser­schä­den not­wen­di­ge Ele­men­tar­ver­si­che­rung gar nicht erst mög­lich gewe­sen. In May­en ste­hen somit vie­le Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger nun vor dem Nichts und wir kön­nen nur hof­fen, dass die Kom­mu­ne, das Land und der Bund die­sen Geschä­dig­ten gemein­sam tat­kräf­tig unter die Arme grei­fen wer­den. Aber auch wir alle kön­nen etwas tun. Vie­le haben bereits beim Auf­räu­men mit ange­packt und tun es immer noch, ande­re haben Sach- oder Geld­spen­den geleis­tet oder haben Freun­de und Ver­wand­te bei sich auf­ge­nom­men. Dafür sagen wir von gan­zem Her­zen: Dan­ke! Machen wir wei­ter so. Die geleb­te Soli­da­ri­tät war und ist über­wäl­ti­gend. Genau­so über­wäl­ti­gend war aber auch die Arbeit der Ret­tungs­kräf­te der Feu­er­weh­ren, des THW, des Roten Kreu­zes, der Mal­te­ser und ande­rer Hilfs­ein­rich­tun­gen. Hier sind vie­le Kame­ra­den, größ­ten­teils ehren­amt­lich tätig, über sich hin­aus gewach­sen und habe Gro­ßes geleis­tet und damit noch Schlim­me­res ver­hin­dert. Sicher waren sie gegen die Jahr­hun­dert­flut zunächst macht­los — sie konn­ten aber durch ihre klu­ge und vor­aus­schau­en­de Arbeit noch Schlim­me­res ver­hin­dern. Und auch der Kri­sen­stab der Stadt­ver­wal­tung hat tol­le Arbeit geleis­tet. Sehr früh wur­de vor­ge­warnt und Sand­sä­cke zur Ver­fü­gung gestellt. Sicher hat manch einer am Mitt­woch­nach­mit­tag noch gedacht, dass hier doch maß­los über­trie­ben wur­de. Die wur­den aber am Abend dann lei­der eines Bes­se­ren belehrt. Zukünf­tig müs­sen wir viel mehr für den Hoch­was­ser­schutz an der Net­te tun. Hier bedarf es gro­ßer Reten­ti­ons­flä­chen die gemein­sam mit den umlie­gen­den Ver­bands­ge­mein­den erschlos­sen wer­den müs­sen. Ers­te Ansät­ze durch den Ankauf geeig­ne­ter Lie­gen­schaf­ten sind bereits getan. Wir blei­ben dran.

Wir kön­nen uns in May­en sehr glück­lich schät­zen, dass in der Kata­stro­phe kein Mensch sein Leben las­sen muss­te. Das war gute Vor­be­rei­tung aber auch Glück. Lei­der hat­ten in unse­rem Nach­bar­kreis Ahr­wei­ler, gera­de ein­mal 30 Kilo­me­ter nörd­lich von May­en, vie­le nicht die­ses Glück. Über ein­hun­dert Men­schen ver­lo­ren ent­lang der Ahr auf tra­gi­sche Weis ihr Leben und hun­der­te wer­den noch ver­misst. Und hier, wie auch in Tei­len Nor­d­rhein-Wes­t­­fa­­lens, hat die Zer­stö­rung durch die Flu­ten ein bis­her unge­ahn­tes Aus­maß ange­nom­men. Neben der uner­mess­li­chen Trau­er um so vie­le Mit­men­schen, die über­wie­gend qual­voll ertrun­ken sind, sind die mate­ri­el­len Schä­den an pri­va­ten und öffent­li­chen Gebäu­den, an Stra­ßen, der Strom‑, Gas- und Was­ser­ver­sor­gung unvor­stell­bar und noch über­haupt nicht abzu­schät­zen. Sie wer­den aber ganz bestimmt in die Mil­li­ar­den gehen und stel­len uns vor eine natio­na­le Auf­ga­be. Ange­la Mer­kel sag­te bei ihrem Besuch in Schuld, dass die deut­sche Spra­che kein Wort ken­ne, das die­se pure Zer­stö­rung beschrei­ben kön­ne – dem ist nichts hinzuzufügen.

Ich bin mir sicher, dass es in May­en in abseh­ba­rer Zeit wie­der so sein wird, wie es vor der Flut ein­mal war. Auch wenn das für ein­zel­ne ein schwe­rer Weg sein wird, bei dem die Soli­dar­ge­mein­schaft hel­fen muss und wird. In unse­rem Nach­bar­kreis Ahr­wei­ler fehlt mir an vie­len Orten aller­dings die Hoff­nung, dass hier alles wie­der so wird wie frü­her. Resi­gna­ti­on darf unser Han­deln aber nicht lei­ten. Ich hof­fe sehr, dass die unglaub­li­che Hilfs­be­reit­schaft aus der gesam­ten Repu­blik noch lan­ge währt und wir ganz vie­len Betrof­fe­nen, ob in May­en oder anders­wo, ehr­li­che Hoff­nung spen­den kön­nen. Wir alle kön­nen durch unser Han­deln hier mit­hel­fen. Sei es nun Geld, Zeit, Wohn­raum oder ein­fach nur mensch­li­che Wär­me die wir für die betrof­fe­nen Mit­men­schen übrig haben. Sei­en wir in jeder Hin­sicht spendabel.